„SMS – SOZIAL MACHT SCHULE“

„ ... was wird aus einer Gesellschaft, in der bestimmte Formen von Leiden gemieden werden, in der die Behinderten und Kranken schnell aus dem Haus, die Toten schnell aus dem Gedächtnis kommen? In einer solchen Gesellschaft entwickelt sich eine Wahrnehmungsunfähigkeit für das Leiden. Man erfährt von Leiden anderer nur indirekt... . Wir werden weniger empfindlich, es tritt eine gewisse Abstumpfung gegen den Schmerz ein... . Mit der geringeren Schmerzfähigkeit aber verlieren menschliche Beziehungen die ihnen eigentümliche Tiefe.“ (nach Dorothee Sölle)

Seit dem Schuljahr 2005/2006 bietet das Rotteck-Gymnasium das Projekt „Sozial macht Schule – SMS“ für die Jahrgangsstufe 10 an. Es soll helfen, die Wahrnehmungsfähigkeit für das Leiden anderer zu schärfen.

Was ist SMS?

SMS ist ein vierzehntägiges soziales Praktikum in einer Einrichtung, die sich um Menschen kümmert, die im Schulalltag oft nicht vorkommen: Alte Menschen, Kinder in besonderen Notlagen, behinderte Menschen, Flüchtlinge, Obdachlose ... .

Wozu SMS?

Dieses Praktikum dient nicht in erster Linie der Vermittlung eines Berufsbildes wie BOGY, sondern es geht um soziales Lernen außerhalb des Klassenzimmers. Dabei ist der unmittelbare Kontakt zu benachteiligten Menschen unverzichtbar. Daraus ergibt sich, dass Praktikumsstellen, in denen vor allem Verwaltungsarbeit anfällt oder Einrichtungen ohne besondere Zielsetzung (z.B. Regelkindergärten o. ä.) nicht geeignet sind. Die Erfahrungen des Praktikums werden im Unterricht verschiedener Fächer thematisiert. Die Schülerinnen und Schüler erhalten am Ende von der Schule ein Zertifikat, das bei Bewerbungen vorgelegt werden kann.

Wer nimmt an SMS teil?

Alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 sind in das Projekt eingebunden. Sie werden während des Praktikums von Lehrkräften nach individueller Absprache betreut. Darüber hinaus wird das Sozialpraktikum von der Schule vor- und nach-bereitet.

Wo findet SMS statt?

Mögliche Praktikumsplätze sind alle Einrichtungen mit sozialem Bezug wie z.B. Altenwohn- und -pflegeheime, Behinderten- und Reha-Einrichtungen, Einrichtungen der Flüchtlings- und Obdachlosenhilfe, Krankenhäuser, Einrichtungen der ambulan¬ten Pflege, Sozialstationen, Schulen und Kindergärten mit besonderen sozialen Schwerpunkten wie z.B. Hör-, Seh-, Sprach- oder Lernbehinderungen. Die tägliche Arbeitszeit soll sechs Stunden nicht unterschreiten.

Eine Auswahl von Äußerungen der Jugendlichen zu ihrem Praktikum im Juni 2007

Carole W.: Mein zweiwöchiges Praktikum (im „Haus des Lebens“) hat mich sicherlich „geprägt“, vor allem, da ich Kontakt zu Menschen aus ganz anderen Bereichen unserer Gesellschaft hatte und somit ganz andere Probleme kennen gelernt habe. … Das Sozialpraktikum hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt! Es war anstrengend, aber abwechslungsreich, interessant und ich habe ganz Neues gelernt.

Pascal N.: Die Arbeit mit alten, pflegebedürftigen Menschen fiel mir sehr schwer in den ersten Tagen. Ich konnte mir kaum vorstellen, zwei Wochen lang mit Menschen konfrontiert zu sein, die am Ende ihres Lebens standen, krank und verwirrt waren, den Tod vor Augen hatten … Zuhause führten wir viele Gespräche über dieses Thema. Allmählich, etwa ab dem vierten Tag konnte ich mit dieser Situation besser umgehen, ich lernte das Alter und seine schweren Seiten zu akzeptieren und am Ende des Praktikums fühlte ich mich durch die Erfahrungen, die ich mit den alten Menschen machen konnte, sehr bereichert. Dieses Praktikum war für mich eine Zeit, in der ich unglaublich viel gelernt habe, von den alten Menschen, über das Leben und das Sterben und über mich …

Julia S.: Ich glaube, dieses Praktikum hat mich sehr bereichert. Ich habe gelernt, wie man mit behinderten Menschen umgeht, was sie brauchen. Außerdem ist mir be-wusst geworden, welche Möglichkeiten man als gesunder und welche man als behinderter Mensch hat. Aber trotz der kranken und damit auch oft leidenden Kinder hatte ich in meiner Gruppe sehr viel Spaß. Ich konnte viel mit den Betreuern lachen. Und wenn man von einem Kind angelächelt wird oder einfach nur merkt, dass es ihm trotz der ganzen Umstände gut geht, ist das ein super Gefühl, welches einem total viel Kraft gibt und die Beziehungen zwischen dem Kind und sich selbst stärkt. Mir ist auf¬gefallen, dass in dieser Einrichtung jedes Kind eine individuelle Betreuung und Förderung bekommt, was sehr wichtig ist. Manchmal würde ich mir so eine individuelle Förderung auch bei uns an der Schule wünschen. …
Die Erfahrungen und Erlebnisse des Praktikums würde ich nicht missen wollen. Ich vermisse die Kinder jetzt schon und werde sie demnächst mal besuchen.

Cäcilia M.: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ Dieser Satz entstammt Goethes „Faust“ und steht in großen Lettern über der Bar im „Essenstreff“. Goethe beschreibt damit ziemlich genau das, was ich in den zwei Wochen des Praktikums gelernt habe. Die vielen Situationen, Eindrücke und Gespräche ließen mich vieles relativieren und zeigten mir, wie groß der Wunsch der Gäste ist, mit Würde von der Gesellschaft behandelt und aufgefangen zu werden.

Mona R.: Die Wahl, mein Sozialpraktikum in einer Tages- und Beratungsstätte für Wohnungslose zu leisten, war sehr gut getroffen.
Ich habe erfahren, wie man mit wenigen Mitteln viel erreichen kann und auch dazugelernt, was den Umgang mit Menschen anbelangt, die große soziale Probleme haben. Die Erzählungen von ihren Erfahrungen … haben mich teilweise geschockt und teilweise beeindruckt: Wie ein Mensch mit so wenigen Mitteln überlebt, können wir, die wir größtenteils mehr haben als wir benötigen, uns gar nicht richtig vorstellen. Auch sehr beeindruckt war ich beispielsweise beim Stammtisch. Es gab einige Menschen, die in kleinen Grüppchen diskutierten, aber sie wurden von den anderen so¬fort darauf hingewiesen, dass sie ruhig und aufmerksam sein sollten, da es wichtig sei, sich gegenseitig zuzuhören. Einmal fiel die Bemerkung, „das hier ist heiliger Boden“, was ich sehr gut fand, da man daran sehen konnte, wie ernst die meisten die Einrichtung und ihre Regeln nehmen und wie sie sich engagieren, damit alles in der Einrichtung funktioniert, die ja für manche von ihnen wirklich überlebenswichtig ist.
Ich finde es sehr gut, dass es solche Einrichtungen und Menschen, die sich dafür engagieren, gibt. Es ist einfach wichtig, dass Menschen, die aus den verschiedens-ten Gründen allein mit ihrem Leben in unserer Gesellschaft nicht klar kommen, irgendwo Hilfe bekommen, unterstützt und beraten werden. Niemand darf meiner Ansicht nach die Augen davor verschließen, dass es diese so genannte „Unter-schicht“ auch in einem so fortschrittlichen Land wie Deutschland gibt. Im Gegenteil, jeder Mensch, der ein geordnetes Leben führen kann, sollte dazu beitragen, dass diesen Menschen das Leben erleichtert und nicht ihr Leid noch vergrößert wird. Leider denken die Wenigsten auch nur über diese und ihre Probleme nach, denn so wie ich es erlebe, beachten fast alle Leute auf der Straße einen Obdachlosen, der am Straßenrand sitzt, gar nicht oder schauen ihn abfällig an. Dies ist die schlechteste Art, mit solchen Menschen umzugehen, da sie sowieso schon soziale Probleme haben und ich denke nicht, dass eine derartige Behandlung durch ihre Mitmenschen ihnen gut tut. Außerdem ist jeder Einzelne mit verantwortlich für die Situation in der Gesellschaft, zu der er gehört.